Architektur unseres Schulgebäudes

Herzlich willkommen in der Mierendorff-Schule!
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 Zur Archtitektur der Mierendorff-Schule

 Ein Gespräch von Herrn Dipl.-Ing. Rolf D. Weisse mit Herrn Lenz

Was für ein beeindruckendes Erlebnis!
Herr Dipl.-Ing. Rolf D. Weisse, Architekt unseres Schulgebäudes, hatte mich zu sich in sein Büro eingeladen, um geduldig auf meine neugierigen Fragen zu antworten. Aber dabei blieb es nicht; Herr Weisse begnügte sich nicht mit knappen Antworten, sondern zog mich mit detaillierten Informationen, angereichert durch zahlreiche Anekdoten, in den Bann der Baukunst und ich hätte noch weitere Stunden zuhören können!
So hatte ich z. B. nicht gewusst, dass der Bau der Mierendorff-Schule in den 70er Jahren Modellcharakter hatte. Es sollte ein ganz neuartiges Schulgebäude entstehen. Herr Weisse entwarf das Gebäude deshalb auch im Sinne seines Vorbildes und Freundes, des weltbekannten Mies van der Rohe. Dessen architektonisches Credo lässt sich u. a. am Gebäude der Nationalgalerie bewundern und lautet – sehr vereinfacht gesagt -: Große Räume – große Fenster, ohne dass die Statik klobig erscheint!
In diesem Sinne sollten die Cluster ursprünglich sogar noch offener gestaltet und die Wände der Klassenräume flexibel einsetzbar sein. Nach intensiven Vorgesprächen mit Lehrern, änderte Herr Weisse jedoch die ursprüngliche Konzeption in einigen Punkten ab. Der Wunsch der Lehrkräfte nach abgegrenzten Klassenräumen, um eine konzentrierte und ruhige Arbeitsatmosphäre zu wahren, wurde berücksichtigt und die jetzige Lösung gefunden, die lärm- und sichtgeschützte Räume bietet.
Trotz dieses Kompromisses haben wir ein Schulgebäude, das räumlich enorm großzügig gestaltet und bis in den letzten Winkel lichtdurchflutet und – das ist fast einmalig in Berlin – mit Teppich ausgelegt ist, der enorm lärmreduzierend wirkt und den Schülern ermöglicht, sich auf dem Boden niederzulassen, um zu arbeiten oder zu plaudern!

Auch die Öffnung des wunderbaren Blicks durch unsere großzügigen Fensterfronten hin zum Park und zur Spree ist kein Zufall, sondern den Inspirationen des Baumeisters zu verdanken.
Im Gespräch mit Herrn Weisse erfuhr ich auch, dass die Mierendorff-Schule nur eins von 9 Schulgebäuden ist, die er verwirklichte.
Warum aber legt ein Architekt ein Augenmerk auf den Schulbau? Ich meine, im Falle von Herrn Weisse waren es auch die eigenen Erfahrungen als Schüler, von denen er mir berichtete: Selbst Schüler in einem Schulgebäude des 19. Jhr. hatte es ihn enttäuscht, nicht wirklich aus den – damals stets sehr hoch angebrachten – Fenstern schauen zu können. Mit der Bauform der Mierendorff-Schule und ihren weiten Fensterflächen wollte er nun den heutigen Kindern ermöglichen, bei der Arbeit auch mal entspannt aus dem Fenster zu sehen zu können.

Darüber hinaus erfuhr ich, dass das Bauvorhaben fast einen schlimmen Start gehabt hätte. Auf dem Baugelände der Schule waren zuvor noch ein Kohlenlager und ein paar Werkstätten. Das Areal musste mit Baumaschinen eingeebnet werden. Kurz vorher meldete sich aber glücklicherweise ein Nachbar bei Herrn Weisse mit folgender Information: “Achtung, dort liegt irgendwo noch eine Bombe aus dem Krieg, die damals nicht explodiert ist!“ Zum Glück konnte diese Bombe tatsächlich gefunden und kontrolliert gesprengt werden, bevor sie womöglich bei den Bauarbeiten explodiert wäre!
Nachdem das Baugrundstück planiert worden war, stellte sich die Frage nach dem Baustoff. Es hatten zunächst, so berichtete Herr Weisse, Pläne vorgelegen, die ein Gebäude vorsahen, wie es in den 70er Jahren für den Schulbau angesagt war: Ein Betonklotz! Auf Fenster sollte weitgehend verzichtet und die Räume sollten klimatisiert werden!
Zum Glück rettete uns der Einsatz von Herrn Weisse vor einem solchen Architektur-Desaster! Letztlich wurde Beton als stabiles Fundament zwar verwendet, die Außenfassade aber wurde aus Backstein gefertigt, den der Architekt besonders zu schätzen weiß, u. a., weil er bereits in der Antike als „Fertigbauteil“ entwickelt wurde. Wer hätte schon gedacht, dass Herr Weisse damals extra alle Ziegeleien Deutschlands abgesucht hatte, um endlich in Bayern eine zu finden, deren Ziegel in ihrer rauen Oberflächenbeschaffenheit genau seinen Vorstellungen entsprachen?
Das könnte man für „Detailversessenheit“ halten, also genau eine der Eigenschaften, die Herr Weisse so an Mies van der Rohe bewunderte.

Diese Detailversessenheit mag man auch an der Ausgestaltung der Turnhalle wiedererkennen, die übrigens erst einige Jahre nach dem Schulgebäude erstellt wurde, wie ich erfuhr. Die Auswahl des Holzes für die Täfelung traf Herr Weisse gezielt aufgrund dessen stabilen Eigenschaften. Auch die Aufhängung durch einen bewusst ausgewählten Kreuzberger Tischlermeister ist wohldurchdacht gewesen, denn auftreffende Bälle werden abgefedert, das Holz splittert nicht und hält nun schon seit 40 Jahren!
Auch die Ausführungen zum Apfelbaum faszinierten mich. Jeder Mierianer weiß, wo der Apfelbaum ist: Treffpunkt und zentraler Ort zum „Abchillen“. Diesen Ort haben wir auch Herrn Weisse zu verdanken, der dort die Treppenstufen und das Gemälde vorgesehen hat, welches die Äpfel dreidimensional „zum Reinbeißen“ erscheinen lässt.

Nach dem Gespräch auf dem Weg nach Hause schwirrten mir noch viele Gedanken durch den Kopf: Die architektonische Arbeit des Herrn Weisse hat meinen Kollegen, den Kindern und mir im Lauf der Jahre die Arbeit oft versüßt; man fühlt sich einfach wohl in diesem lichterfüllten Gebäude! Auch die Energie und Begeisterung, die der Architekt und Stadtplaner ausstrahlt, hat mich sehr beeindruckt.

Vielen Dank, Herr Weisse!

Matthias Lenz