Vorurteile – nein danke! Teil 1

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Unter diesem Motto fand in der 6b innerhalb des Unterrichtsprojekts „Soziales Lernen“ ein Besuch der besonderen Art statt.
Der jüdische Rabbiner Daniel Alter und Ender Cetin von der Sehitlik-Moschee kamen in die Klasse und zeigten den SchülerInnen nicht nur, dass Juden und Muslime miteinander befreundet sein können und sich gegenseitig achten können auch dann, wenn sie in manchen Dingen durchaus unterschiedlicher Meinung sind; sie stellten sich auch den vielen Fragen und ließen sich die Erfahrungen der Heranwachsenden schildern.

Foto: Jüdisch-mulimisches Miteinander – Respekt zeigen und Toleranz lernen! Ender Cetin (links) und Rabbiner Daniel Alter (rechts)

Anlass für diesen Besuch waren antisemitische Schüleräußerungen, als im Unterricht die großen Weltreligionen thematisiert wurden und Aspekte des Judentums vorgestellt wurden. Wir Pädagoginnen beschlossen daraufhin, uns von meet2respect unterstützen zu lassen, das als Projekt des gemeinnützigen Vereins Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung es sich zur Aufgabe gemacht hat, Begegnungen, die den Abbau von Intoleranz, Diskriminierung und Gewalt fördern, zu organisieren. Und den Beginn dieses Prozesses konnten wir schon während des Besuches beobachten. Rabbiner Alter erzählte von seinem schlimmen Erlebnis, vor den Augen seiner kleinen Tochter bedroht und geschlagen worden zu sein. Die sich als islamisch bezeichnenden jugendlichen Schläger nannten als Grund, dass er Jude sei. Ender Cetin berichtete von Übergriffen auf Moscheen und Beleidigungen gegenüber Muslimen. Die SchülerInnen konnten ebenfalls erschreckend viele Beispiele schildern, bei denen sie aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion diskriminiert wurden. Alle erkannten die Gemeinsamkeit dieser Erfahrungen: Vorurteile und Fremdenhass auf Seiten der Täter und Ängste und Schmerzen bei den Opfern. In überraschender Ehrlichkeit erzählten die SchülerInnen von eigenen Vorurteilen und wie sie durch neue Erfahrungen und Begegnungen diese überwinden konnten oder wollten. Für viele war die konkrete Begegnung mit einem Juden ein aufklärendes „Aha-Erlebnis“ und düstere Fantasien, als Folge dieser mangelnden Erfahrung, konnten überwunden werden. Daniel Alter und Ender Cetin wurden immer wieder gebeten in hebräisch bzw. arabisch aus den jeweiligen Heiligen Schriften der Religionen vorzulesen und immer wieder gelang es den beiden, die vielen Gemeinsamkeiten in Judentum und Islam einzuflechten.
Koran 49,13:
„O ihr Menschen! Ich erschuf euch als Mann und Frau und machte euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt. Wahrlich, vor Gott ist von euch der Angesehendste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Gott ist allwissen und allkundig.“
Thora, Lev 19,33 f
„Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“
Zum Schluss sprach Rabbiner Daniel Alter eine Einladung in eine Synagoge aus und Ender Cetin lud uns in die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ein. Die SchülerInnen freuten sich sehr darüber. Es wurde wieder einmal deutlich, dass die menschliche Begegnung der beste Weg ist, Vorurteile abzubauen und gegenseitige Vorbehalte zu überwinden. Wir werden diese Begegnung im Sinne der Nachhaltigkeit fortsetzen und sind davon überzeugt, dass wir unsere Kinder darin stärken können, nicht denen zu folgen, die Hass predigen, sondern den Weg des friedlichen Miteinanders zu gehen.

Jutta Meutzner (Soziales Lernen, evangelischer Religionsunterricht)
Anja Hanl (Klassenlehrerin)

Foto: Ender Cetin rezitiert aus dem Koran

Alle Fotos in der Diashow können Sie hier sehen!

Teil 2 des Berichtes:
Die Aufregung war groß bei unserem Besuch in der Synagoge in der Oranienburger Straße. Der Rabbiner Daniel Alter hat die SchülerInnen der 6b nach seinem Besuch in der Mierendorff-Schule diesmal zu seinem Arbeitsplatz im Centrum Judaicum eingeladen. Mit dabei war der Berliner Innensenator Frank Henkel, der im Rahmen seines Wertedialogs die Ansichten von Kindern und Jugendlichen kennenlernen wollte. Auch unsere zuständige Schulrätin, Frau Babbe, wollte sich diesen „Schulausflug“ nicht entgehen lassen.

Foto: Miteinander – Respekt zeigen und Toleranz lernen! Ender Cetin (links) und Rabbiner Daniel Alter (Mitte) und Frank Henkel (Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport, rechts)

Bei soviel Prominenz war natürlich auch Presse vor Ort, die Berliner Morgenpost, RTL und die Öffentlichkeitsbeauftragte vom evangelischen Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf hielten Kameras, Mikrofone und Notizblock gezückt. . Schon vertraut war den SchülerInnen Ender Cetin von der Sehitlik-Moschee, der als Gesprächspartner vom letzten Mal ebenfalls in der Synagoge zu Besuch war. Ein bisschen zurückhaltender als im Klassenraum fiel diesmal die Gesprächsrunde aus, aber so viel Kameras sind wir alle nicht gewohnt. Lockerer ging es dann im Gebetsraum zu, als Daniel Alter die große Thora-Rolle aus dem Schrank holte und die SchülerInnen alle ihre Fragen stellen und selbst fotografieren konnten. Aus welchem Material ist die Thora-Rolle gemacht (Pergament), warum tragen die Männer und Jungen eine Kippa (aus Respekt vor Gott) und vieles andere wollten die SchülerInnen wissen.

Foto: Die Thora

Ender Cetin, der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Moschee konnte an dieser Stelle gut einhaken und davon erzählen, wie ähnlich die Handhabung des heiligen Buches im Islam ist. Der selbstverständliche und freundschaftliche Umgang von Alter und Cetin entspannte auch hier wieder die SchülerInnen, die vielleicht noch mit Vorbehalten in die Synagoge gegangen sind. Zum Schluss wurden der Innensenator, der Rabbiner und Cetin wie Popstars um Autogramme gebeten, die sie alle bereitwillig den SchülerInnen gaben. Wir freuen uns jetzt schon auf den Gegenbesuch in die Sehitlik- Moschee, in der wir dann auch wieder Daniel Alter als jüdischen Gast begrüßen können.

Jutta Meutzner (Soziales Lernen, evangelischer Religionsunterricht)
Anja Hanl (Klassenlehrerin)

Alle Fotos in der Diashow können Sie hier sehen!

Das Projekt „Vorurteile – nein danke!“ der Mierendorff-Schule fand auch in Presse und Internet Beachtung. Hier finden Sie einige ausgewählte Beiträge:

1. Ausführlicher Artikel in der Berliner Morgenpost vom 19.02.2015 „Wenn der Rabbiner um Autogramme gefragt wird“

2. Artikel in „Die Welt“ „Autogramme vom Imam und Rabbiner“

3. Facebook-Seite von Frank Henkel (Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport) s. 18. Februar 2015